Lagerfeuer  Die Geschichte des Hacky ben Hackurabi

Teil 1 : Carisha

Prolog

Es verging nur ein kleiner Augenblick. Doch Hacky war viel zu aufgeregt um geduldig zu sein. Also klopfte er noch einmal. Nichts geschah, er wollte schon zum dritten mal klopfen, als er hinter der schweren, mit Eisen beschlagenen Tür Geräusche hörte. Tatsächlich wurde ein Riegel zurückgeschoben und eine in einer roten Robe versteckten Gestalt sah Hacky mit strenger Miene an. "Ja ?", war die kurze Aufforderung an Hacky, etwas zu sagen. Das schroff gesprochene "Ja" machte Hacky noch mutloser, als er ohnehin schon war. "Ich möchte an der Akademie aufgenommen werden, um ein Magier zu werden." "Das kann nicht einfach jeder. Dazu muß man geboren sein." war die wieder schroffe Antwort. "Aber ich habe die Kraft." bettelte Hacky. "Es kann nicht jeder dahergelaufene einen Adepten der höheren Schule abgeben. Auch jeder Scharlatan und Jahrmarktszauberer besitzt die Kraft, aber niemand nennt Sie einen Magier." "Weil sie keine Akademie besucht haben !" Hacky versuchte es mit Vernunft. Ein Mann der Akademie mußte sich mit Logik überzeugen lassen. "Ja, genau wie Du." Wollte es dieser Mann einfach nicht begreifen ? Warum gestattete er Hacky nicht einfach seine Kräfte zu zeigen ? Er hätte den Mann schon überzeugen können. "Ich habe nein gesagt und dabei bleibt es. Rotzbuben wie Dich gibt es hier zu hauf. Bilde Dir nicht ein Du wärst was besonderes. Und jetzt hau endlich ab !" Das konnte es doch nicht gewesen sein ! All die Mühen, die Hacky auf sich genommen hatte wären umsonst gewesen ? Nur weil dieser engstirnige Kerl hinter der Tür meinte, Hacky hätte nicht die richtige Haarfarbe oder er wäre zwei Unzen zu schwer ? Hacky blickte dem Mann direkt in die Augen und begann ihn wirklich zu hassen.

Aljawa Walsareffnaja saß mit einem ihrer Kollegen um einen Tisch herum und debattierte heftig. Sie war der Meinung, daß es wichtig sei, die Antimagie mehr in ein Kampfgeschehen zu integrieren, als es bisher üblich war, geschweige denn gelehrt wurde. "KAMPFZAUBER STÖREN ist ein ganz wesentlicher Faktor, das Kampfgeschehen zu beeinflussen. Wir wissen doch aus eigener Erfahrung nur zu gut, daß ein gut plazierter Zauber aus einer noch so mißlichen Lage einen wahren Sieg hervorbringen kann. Will man seinem Feind denn diese Möglichkeit lassen ?" war Ihre Meinung. Von gegenüber kam ihr eine schnelle Antwort entgegen. "Nun, wenn man ihn mit entsprechenden Zaubern bedenkt, bevor er selber zaubert, wird man dies gar nicht mehr nötig haben. Nostrischem Geschmeiß gar keine Gelegenheit zum Ausüben ihrer minderwertigen Astralen Fähigkeiten zu geben ist bestimmt das beste. Ich bin daher der Meinung, das wir schon die mittleren Jahrgänge mehr im FULMINICTUS und dem BLITZ DICH FIND üben sollten, dann ist es gar nicht mehr nötig ..." Aljawa hörte ihm nicht mehr zu, denn die Tür sprang auf und ohne ein Wort zu sagen fegte ihr weniger geschätzter Kollege Tristan Fahrendorn herein. Er ist mehr als Schinder denn als Förderer der Eleven bekannt und auf diesem Wege nicht nur bei den Schülern berüchtigt. Tristan, dessen Augen in panischer Angst aufgerissen waren beachtete die Akademieleiterin gar nicht und preschte auch an ihrem Kollegen vorbei, der seine Ausführungen über die Kampfzauberei längst vergessen zu haben schien. Sein erster Griff galt seinen Zauberstab und er dachte darüber nach, wie viele Nostrier wohl in Andergast seien, daß sie die Akademie angreifen würden. Aljawa aber blieb ruhig. Ihre Stirn legte sie in hauchdünne Fältchen um nachzudenken. Dieses Gesicht hatte sie schon des öfteren Gesehen, wenn auch nicht gerade auf dem eines Meisters der arkanen Künste. Sie dachte nur, wer es denn fertig brächte, einen erfahrenen Magier mittels eines HORRIPHOBUS in die Flucht zu schlagen.

Hacky beruhigte sich langsam wieder. Ebenso langsam begriff er, was er eigentlich getan hatte. Und irgendwie erfüllte es ihn auch mit Genugtuung. Denn wenn dieser Mann schon nicht willig war, ihm eine Chance zu geben, dann sollte er wenigsten Wissen daß es ein Fehler war. Doch während er noch in sich hineingrinste, obwohl ihm eher zum heulen zumute gewesen wäre, kam schon eine Frau mittleren Alters zur immer noch offen stehenden Tür, um dann wie angewurzelt vor Hacky stehen zu bleiben.

"Wer bist Du ?" fragte Aljawa den jungen, der zwar völlig normal gekleidet war, aber in seinem Gesicht die herben tulamidischen Züge trug. "Hacky." "Und weiter ?" "Ich habe keinen Nachnamen." "Dann bist Du ein Waisenkind ?" "Seit meine Mutter starb, ja. Meinen Vater kenne ich nicht." "Was möchtest Du hier ?" "Ich möchte auf die Akademie gehen um ein Magier zu werden." "Komm herein." Aljawa beäugte den jungen Tulamiden sehr genau. "Sag mir", sprach sie forschend, nachdem sie ihm einen Sitzplatz in ihrem Raum angeboten hatte, "wer hat Dir eben die Tür aufgemacht ?" "Es war ein Mann in einer roten Robe." Niemand bevorzugte rot für seine Alltagskleidung in der Akademie, mit Ausnahme von Tristan Fahrendorn. "Dann bist Du es also, der für seine Flucht verantwortlich war ?" "Ich fürchte ja." "Bist Du Dir im klaren darüber, daß dies der Zauber HORRIPHOBUS war, den Du da gesprochen hast ?" "Ich habe ihn nicht direkt gesprochen. Ich habe es mehr gewünscht, aber ich weiß, daß man einen Zauber mit dieser Wirkung so nennt." "Von wem weißt Du das ?" "Von Iram ibm Thalid, einem Magier, dem ich in Punin begegnete." "Ich verstehe." Aljawa grübelte einen Augenblick, sprach dann aber mit einen Tonfall weiter, so daß jedermann klar war, daß sie einen Entschluß gefaßt hatte. "Warte hier. Ich schicke gleich jemanden, der Dir alles in der Akademie zeigt. Das Semester hat bereits begonnen, Du mußt also in den laufenden Unterricht einsteigen. Auch da wird man Dir bei helfen. Du schläft mit anderen Jungen in einer Kammer. Aber eins muß Dir klar sein : Du darfst nicht einen einzigen Zauber ausführen, ohne daß ich oder einer der Lehrer es Dir erlaubt hätten. Hast Du das verstanden ?" "Das habe ich !" rief Hacky voller Freude, der sein Glück noch gar nicht fassen konnte und jubilierte innerlich, als Aljawa den Raum bereits verlassen hatte. Jetzt hatte er es also doch geschafft. Er war auf der Akademie ! Dies war der Augenblick, auf den sich sein gesamtes bisheriges Leben aufgebaut hatte. Sein bisheriges Leben.

Was war es doch für ein Kampf gewesen, bis er endlich hier in Andergast sein konnte. Er dachte an seine Reise hierher, an Iram ibn Thalid, an seine ... immer wenn er an seine Mutter dachte verblaßte die Erinnerung sofort, er war einfach zu klein gewesen. Das was ihm aus dieser frühsten Kindheit im Gedächtnis blieb beinhaltete meistens immer eins : Die Wüste.

Kapitel 1 : In den Fängen der Novadi

Ein Jahr war es nun her, daß Ihr Vater, Armon Jardensee, gestorben war. Zu seinem Leidwesen hatte er nur ein einziges Kind mit seiner früh verstorbenen Frau Amene. Obwohl er Carissa liebte gab er sie bald in die Obhut seines Bruders Borald, eines wohlhabenden freien Bauern, und seiner Frau Stansene die einen Hof in der Nähe von Radoleth bewirtschafteten. Diese hatten selbst zwei Kinder : Ariel und Jorgan, Zwillinge, nur ein halbes Jahr älter als Ihre Base Carissa. Armon Jardensee selber war Gildenmagier, der in Vinsalt die Künste der Anatomie und Heilung gelernt hat und auf diesem Wege mehr als Medicus denn als Magus durch das liebliche Feld zog, dabei gut verdiente, wovon er das Meiste wieder seinem Bruder und seiner Tochter zukommen ließ. Erst vor zwei Jahren war er dann endgültig nach Radoleth gezogen um dort, weil Ihn die Körperkraft verlassen hatte, noch ein Jahr zu leben, bis er endlich in Borons Hallen einziehen durfte. Der Liebe zu seiner Tochter hat es zwar keinen Abbruch getan, doch war er stark enttäuscht als sich herausstellte, daß Carissa die Gabe nicht besaß. Immer bemühte Sie sich jedoch, auch aus persönlichem Interesse heraus, den Spuren Ihres Vaters zu folgen, so daß Sie, soweit es Ihre nicht-magischen Künste erlaubten, der Alchimie, der Heilkunde und sogar des Lesens und Schreibens mächtig war und so ein hesindegefälliges Leben führte.

Nun war es wieder ein typischer Tag im lieblichen Feld. Die Sonne schien, es war warm, aber die großen Wiesen, die an der einen Seite an die Wälder grenzten, welche in die Goldfelsen führten und an der anderen Seite die Felder ihres Onkels begrenzten und als Viehweide dienten waren noch feucht vom letzten Regen. Carissa war am Abend zuvor lange auf gewesen, da sie bemüht war, einen Heiltrank herzustellen. Die dazu nötigen Kräuter fand sie selbst im nicht zu weit entfernten Wald. Damit verdiente sie zuweilen eine nicht ganz phexverachtende Menge Gold, so daß Ihr Onkel keineswegs böse war, wenn sie Ihre Arbeit auf dem Feld dafür vernachlässigte. Wenn Ihre Base und Ihr Vetter sie Abende lang beobachteten wie sie vor den wenigen Büchern saß, die Ihr Vater ihr hinterlassen hatte, verspürten sie bestimmt keinen Neid über die körperlich so anspruchslose Arbeit : Die Spuren der geistigen Anstrengung waren nur zu deutlich in Carissa's Gesicht geschrieben. Noch völlig verschlafen öffnete Carissa die Läden des einzigen Fensters in der Kammer, die sie sich zum Schlafen mit Ihrer Base teilte. "Was für ein Schatz !" dachte Sie dabei, denn Ihr war nicht entgangen, daß Ariel Ihre Waschschüssel im dunkeln gefüllt hatte und sich auch ohne etwas zu sehen gewaschen haben mußte um sie nicht zu wecken. Noch in Ihr leinenes Nachthemd gekleidet schlich sie hinunter in die Küche, wo sie auf einem kleinen Tisch in der Ecke Ihr "Labor" hergerichtet hatte, eine kleine Ansammlung von Fläschchen, Kräutern, Mörsern und Stößeln, allesamt aus dem Nachlaß Ihres Vaters. Sie öffnete die Flasche mit dem Heiltrank und probierte einen feuchten Finger davon. Mit dieser kleinen Menge konnte sie zwar die Qualität des Trankes nicht genau überprüfen, daß Ihr davon aber nicht schlecht wurde, zeigte, daß er Grundsätzlich gelungen war. Morgen würde sie einen zweiten mit den übrigen vierblättrigen Einbeeren gebraut haben, den sie dann auf dem Markt in Radoleth verkaufen würde. Von dem Erlös, der gewiß mehr als zehn Dukaten betragen würde, könnte sie Ihrer Base endlich ein neues Kleid mitbringen, denn Ihr jetziges war schäbig anzusehen und viele der Gebrauchsgüter kaufen, die der Bauer nicht selbst herstellte, wie zum Beispiel Stoffe, Wolle, Nadel und Faden und ein paar Stücke Seife. Schließlich brauchte sie noch ein wenig für zwei neue Glasflaschen. Alles in allem würde noch viel Geld übrig bleiben. Gerade wollte sie wieder hinauf gehen in Ihr Schlafzimmer, als sie von weitem einen Schrei hörte. Sofort stürzte sie zum Fenster, konnte jedoch nicht erkennen, von wo dieser Schrei gekommen war. Also lief sie, barfuß wie sie war auf den Hof hinaus um dort mehr zu sehen, aber wieder konnte sie nicht erkennen. Allmählich bekam aber ein anderes Geräusch die Oberhand : Pferdehufe. Viele Pferdehufe. Carissa lebte schon lange genug im Osten des lieblichen Feldes um zu wissen, was es bedeutet, wenn viele Pferde sich im Galopp nähern : Ein Überfall der Novadi !

Jetzt begriff sie auch, wessen Schrei es gewesen sein mußte. Ihr Onkel schien von einem Säbel oder einem Pfeil getroffen zu sein. Jetzt kam auch das Haus selber unter einen Pfeilhagel, was Carissa dazu zwang wieder ins innere zu Flüchten. Schnell rannte sie wieder in die Küche, wo sie den Heiltrank in der linken und ein großes Messer in der rechten Hand ergriff. Gerade noch rechtzeitig war sie bewaffnet als die Tür aufflog und drei finster dreinblickende, bärtige Wüstensöhne im Wohnraum standen. Als sie Carissa erblickten grinsten sie breit, den diese junge Frau, die so offensichtlich nichts mit der lächerlichen Waffe anzufangen wußte war einfach kein Gegner für die sonnenverbrannten Krieger aus der Khom. Selbstbewußt rückte der größte der Krieger vor, schob grob einen Tisch und einen Stuhl aus dem Weg. Carissa hielt Ihr Messer kampfbereit. Sie erinnerte Sich an den Heiltrank in Ihrer linken Hand. "Rondra steh mir bei !" dachte sie, als sie die kleine Glasflasche warf, die genau im Gesicht des Novadi zerbarst. Er hätte in paar häßliche Narben im Gesicht zurückbehalten müssen, wenn nicht der Heiltrank die Wunden im selben Augenblick wieder geschlossen hätte, in dem sie von den Glasscherben erzeugt worden waren. Diesen Moment der Unachtsamkeit des Novadi nutzte Carissa um an ihm vorbei zur Treppe zu rennen. Dort hätte sie den Hinterausgang benutzen können um in den Wald zu flüchten, doch wurde Ihr während sie noch die ersten Schritte machte, Ihr Messer von dem gewaltigen Hieb eines Kunchohmer Säbels aus der Hand geschlagen. Um nicht in Ihr eigenes Messer zu fallen sprang sie schnell zur Seite um sofort über einen Stuhl zu stolpern, der Ihre Flucht beendete. Die beiden anderen Novadi standen dicht bei Ihr und bedrohten die unbewaffnete Carissa mit Ihren großen Waffen, während der dritte der Wüstensöhne sich tulamidisch fluchend wieder zu seinen Kameraden gesellte. Große und starke Hände zwangen daraufhin Carissa auf die Knie wo sie dann mit ein paar Lederriemen die Hände gefesselt bekam und von einem der Novadi hinaus geführt wurde, während die anderen beiden den Rest des Hauses durchsuchten.

Draußen sah Carissa dann das ganze Ausmaß des Überfalls. Insgesamt mehr als zwei Dutzend Novadi, alle zu Pferd standen um den Hof. Ihre Cousine hatte das gleiche Schicksal ereilt wie sie selber auch - mit gefesselten Händen wurden Sie auf den Ochsenkarren Ihres Onkels geladen, an den noch das andere Vieh, insgesamt vier Kühe verladen wurden. Die beiden Pferde wurden aus dem Stall mitgenommen. Ein Sack, der vermutlich alle Wertgegenstände des Hauses enthielt wurde aufgeladen. Ein paar der Pferde wurden mit gelagerten Lebensmitteln behangen. Als die Novadi abzogen und auch der Ochsenkarren sich in Bewegung setzte konnte Carissa den brennenden Hof sehen, der so viele Jahre ihr geliebtes zu hause gewesen war. Davor lagen die blutüberströmten Leichen Ihres Onkels und Vetters. Etwas näher bei den Ställen der regungslose Körper ihrer Tante, aus dem mindestens drei Pfeile herausragten. Vor Wut, Angst und Verzweiflung weinten Sie hemmungslos bis der bärtige Mann auf dem Ochsenkarren Ihr Geschrei dadurch beendete, daß er Carissa und Ariel einen großen Knebel verpaßte.

Kapitel 2 : Eine Oase in der Wüste

Als es schon dunkel war kampierten die Novadi in einem Wald, 25 Meilen den Sikram Flußaufwärts und feierten den Sieg Rastullahs über die Ungläubigen. Am gleichen Tag wurden die hilflosen Basen Zeuge zwei weiterer dieser Überfälle. Auch merkten Sie, daß am Tag zuvor ebenfalls ein Bauernhof ähnlich in die Fänge der Novadi geraten sein mußte. In diesem Lager gab es viele Rinder, auch Schafe und Ziegen, Sackweise Lebensmittel und auch einiges Gold und Silber. Manch verarmter Adlige wäre froh gewesen über eine solche Beute, die einem Bauer ein gutes Leben ermöglicht hätten, selbst in weniger Perainegesegneten Jahren. Stumm betete Carissa zu Hesinde und tauschte ab und zu ängstliche Blicke mit Ihrer Base aus. Auch konnte sie Ariel des öfteren beim Beten beobachten. In diesem Fall wird zwar Peraine das Ziel Ihrer Bitten gewesen sein, aber Carissa fragte sich, ob sie die Zwölfe denn überhaupt erreichen könnten, wo sie doch scheinbar - besonders unter den wilden Wüstensöhnen - nicht den Einflußbereich der Götter verlassen hatten und nun ganz dem Willen Rastullahs unterworfen waren. Dieser Gedanke machte Ihr Angst. Und so sorgte sie sich praktisch die ganze Nacht, ob nicht einer der Novadi kommen und sie oder Ihre Base mißbrauchen würde. Aber dies geschah nicht. Die einzigen Besuche eines Kriegers dienten dazu, die Frauen zu füttern und Ihnen Wasser zu geben. Da die Novadi mit dem Essen nicht geizten (sie hatten ja auch mehr als genug erbeutet) war das schönste daran gar nicht einmal, wieder den Magen gefüllt zu bekommen, sondern endlich einmal wieder ohne Knebel zu sein.

Ohne Fessel und Knebel durften die beiden Frauen erst wieder sein, als man mitten in den Goldfelsen war. Dort, in einem versteckten Lager der Novadi, holte man Leintücher hervor und eine Unmenge an Wasserschläuchen, die allesamt gefüllt den noch unzähligen Kamelen, von denen die Basen bisher nur aus Erzählungen gehört hatten, umgehangen wurde. Vielen der Pferde wurden nun ein großes leinenes Laken übergeworfen. Jeder der Novadi hatte ein eigenes Reitkamel und es waren auch noch zwei übrig, auf denen Carissa und Ariel reiten konnte. Man gab Ihnen ebenfalls ein großes Tuch in dem sie sich ganz verhüllen konnten. Nachdem die Tiere allesamt getränkt wurden und niemand, die beiden Gefangenen eingeschlossen, mehr auch nur ein kleines bißchen Durst hatte ritt man Bergab Richtung Wüste. Schon bald verwandelten sich die von Westen so grünen Goldfelsen in eine karge Landschaft, die in einer Geröllwüste endete. Dann, am zweiten Tag der Reise in dieser Namenlosen Hölle wurde die Wüste endgültig zu einem reinen Meer aus Sand. Carissa erlitt schrecklichen Durst, aber die Novadi gaben Ihr immer nur gerade genug zu trinken, daß sie nicht verdurstete. Bald schon Begriff sie, daß dies keine Schinderei der Wüstensöhne war, sondern eine Notwendigkeit. Sie fragte sich, wie es wohl Ariel ginge, die sie aus dem großen Tuch heraus nicht sehen konnte. Sie Begriff nun auch, warum man Ihr weder Knebel noch Fesseln gelassen hatte. Hätte sie immer noch den Mund aufgesperrt, so würde viel zu viel Wasser verdunsten. Durch die Nase atmen war das Beste. Auch wenn es die Novadis waren, deren Gefangene sie war und die sie in diese Einöde verschleppt hatten, so waren es aber auch die, die nun auf Ihr Wohl achteten und sich umsichtig um sie sorgten. Mit Ihren nackten Füßen wäre sie auf dem glühend heißen Sand keine 3 Schritt weit gekommen. Nach weiteren 4 Tagen, an denen die Wüstensöhne an nur einem kleinen Wasserloch vorbeikamen erreichten Sie, ohne daß Carissa eine blasse Vorstellung davon gehabt haben könnte, wie man hierher gefunden hatte eine größere Oase.

Schon von weitem kündigte sich eine Veränderung in der Landschaft an, ein nicht ganz so heller Fleck in weiter Ferne wie der Rest der Wüste. Im Näherkommen stellte es sich heraus, daß es Mauern waren. Mauern in der Wüste ? Sogar ein paar kleine Türme ragten an den hohen Wänden empor, an denen der wehende Sand nicht vorbeikam. Ein paar tulamidische Worte hörte sie, dann wurde das Tor aufgemacht und die Karawane ritt in die Stadt. Es war das Tor in eine andere Welt. So hatte sie sich immer den Unterschied zwischen den Niederhöllen und Alveran vorgestellt. Palmen, die Ihr unbekannte Früchte trugen, Geruch von frischem Gras, Geräusche von Rindern, Schafen und Pferden, und Menschen. Auch war es hier bemerkenswert Kühl. Es war zwar immer noch eine große Hitze von oben, aber die hohen Palmen, Häuser und Mauern spendeten sehr viel Schatten. Viele der Männer und auch Frauen kamen aus den Häusern und jubelten der Karawane zu, bis alle in der Mitte der Stadt auf einem großen Platz mit mehreren Brunnen hielten um dort die Tiere zu versorgen und abzusteigen. Andere Männer kamen und schienen die Beute an sich zu nehmen und aufzuteilen. Lebensmittel und die erbeuteten Tiere gingen an meist ältere Herren, die meistens einen der jungen heimkehrenden Soldaten begrüßten. Wahrscheinlich waren es die Familien der Krieger, denen ein Beuteanteil zustand. Schon wenig später ritt der gesamte Troß, diesmal jedoch wieder auf den Pferden mit dem Rest der Beute, den Wertsachen, Waffen, den beiden Gefangenen und merkwürdigerweise einem erbeuteten Sack voll Salz die große Straße Richtung Westen hinunter, wo sie bald auf einem weiteren, nicht ganz so großen aber schöneren Platz ankamen, vor dem ein nicht zu verachtender Palast stand. Dort, vor dem Portal dieses großen und schönen Gebäudes stand ein Mann mittleren Alters, der prächtig gekleidet und mit einem roten Turban versehen scheinbar der Herrscher dieser kleinen Stadt war. Die Krieger stiegen ab, zerrten auch die beiden Basen vom Pferd und zwangen sie erneut auf die Knie um sich vor dem Sultan (soviel verstanden die beiden) zu verneigen. Ihm wurden die wertvollen Mitbringsel übergeben. Es wurde noch viel geredet, aber von Carissa und Ariel wenig verstanden. Irgendwann kam dann der Sultan auch bei Ihnen vorbei, worauf Ihnen die Tücher vom Kopf gerissen wurden. Einer der Krieger zwang sie sogar, den Mund zu öffnen, damit der Sultan Ihre Zähne sehen konnte - wie bei einem Gaul ! Schließlich nickte er zufrieden und ließ die beiden in den Palast bringen.

Kapitel 3 : Die Sklavin des Sultan

Nun saßen die beiden Basen eingesperrt in einem kleinen Raum. Zum erstenmal seit Ihrer Gefangennahme hatten sie Gelegenheit miteinander über Ihre Ängste und Sorgen zu sprechen was sie, als sie Ihre erste Angst, in diesem stillen Raum einen Laut von sich zu geben verflogen war, auch ausgiebig taten. "Was meinst Du was sie jetzt mit uns machen ?", fragte Ariel, die Tränen aus den Augen wischend. "Ich weiß nicht." war die frustrierende Antwort und Erkenntnis zu gleich. Carissa bemühte sich nicht, die vielen Tränen wegzuwischen. Sie war davon überzeugt, daß schon bald welche nachkommen würden. "Ihr werdet seiner Majestät dem Sultan Hackurabi ben Hackurabi ben Hckun in seinem Palast zu Diensten sein. Ihr seid Sklavinnen." Diese grammatikalisch korrekt gesprochene, aber stark Akzent behaftete Antwort schien im ersten Moment aus dem nichts zu kommen, dann bei genauerem Hinsehen, war das, was den Basen zuerst als bemalte Wand vorgekommen war, ein feines Holzgitter, hinter dem natürlich jedes Wort, daß sie sprachen zu verstehen gewesen war. Eine kleine Tür neben diesem "Fenster" ging nun auf und herein trat eine Frau, über deren aussehen Carissa und Ariel nichts zu sagen vermocht hätten, so verschleiert war die Gestalt, die mit samtweichen aber stolzen Schritt auf die beiden zugekommen war. "Mein Name ist Monishabi. Ich bin die erste Sklavin im Palast des Sultan. Ihr habt meinen Befehlen zu gehorchen, auch wenn nicht ich, sondern die Familie des Sultan eure Herren sind. Zunächst aber folgt mir." Carissa und Ariel gehorchten. Weniger aus Furcht, sondern eher aus Vertrautheit, denn jemanden zu hören, der die eigene Sprache beherrschte, war wie eine Oase in der Wüste. "Was für ein blöder Vergleich !" dachte Carissa. Es schien als kehrte ein wenig Humor in Ihre Tränen zurück. "Woher kennt Ihr unsere Sprache ?" fragte Ariel recht forsch für Ihre Person. Sie schien ebenfalls Vertrauen zu haben - besser haben zu wollen. "Aufgewachsen bin ich in Khunchom, wo beide Sprachen, das tulamidische meiner Eltern und das Garethi, das man im Norden spricht, alltäglich zu hören sind. Meine Eltern starben beide früh und meine nächsten Verwandten, ein Großonkel mit seiner Familie hatte nichts besseres zu tun, als mich an Sklavenhändler aus Al'Anfa zu verkaufen. Auf diesem Umweg kam ich aber wieder über Unau nach Norden, bis hierher in die Oase Hckun." "Oase Hckun ? So heißt dieser Fleck Leben in der Wüste ?", fragte Ariel - noch forscher. "Ja. Sie wurde vor knapp 200 Jahren durch Zufall entdeckt und trägt seither den Namen Ihres Entdeckers." Sie kamen um eine Ecke des Ganges und traten dann hinaus in den Garten des Palastes. "Wir gehen hier links. Dies ist der Garten des Sultan. Hier am Palast pflegt er und seine Familie sich selbst aufzuhalten, da es am See am schönsten ist. Dort hinten - sie deutete über den See - ist die große Weide der Hckun. Dort darf jeder, der hier Vieh besitzt es grasen lassen. Ein kleiner Teil dieses Graslandes ist dem Sultan vorbehalten. Hier hinten stören wir niemanden. Dort werden wir euch waschen." Eine Wunderbare Vorstellung bei der hier vorherrschenden Witterung war ein ausgiebiges Bad in diesem See voller lauwarmen Wasser. Auch wenn sie hier nicht zum Vergnügen waren, so waren Sie genauso erstaunt wie erfreut, daß Sklavin sein in der Hckun nicht bedeutete wie Vieh schuften zu müssen. Monishabi griff in Ihr Kleid und holte zwei kleine Stücke Seife hervor, die sie Carissa und Ariel überreichte. "Hier. Zieht euch aus und wascht euch gründlich. Ich erwarte euch gleich am Palast zurück. Dort werdet Ihr angemessen gekleidet." Zum Entsetzten der beiden nahm Monishabi Ihre schmutzigen Sachen mit. Sie sollten das einzige was mal Ihnen gehörte nie wieder sehen. Nachdem Sie das wunderschöne Wasser genossen hatten, sich frisch und sauber fühlten überwanden Sie Ihre Scham und schlichen zurück zum Palast, wo Monishabi und ein kleines, ebenso verschleiertes Mädchen Handtücher bereit hielten, mit denen die beiden sich abtrockneten. Drinnen im Palast, zurück in dem Raum in dem sie Anfangs gewartet hatten lagen nun ein violettfarbenes Kleid, daß mehr aus Seide und Schleier bestand, als Stoff an ihm gewesen wäre. Ein sehr ähnliches Kleid lag in Grüntönen vor. Monishabi gab Ariel das grüne Kleid. "Es paßt am besten zu Deinem Haar." war ihre wohlüberlegte Meinung dazu. Ariels braunes Haar war für die Novadi jedoch nicht eine solche Besonderheit wie Carissa's Blondschopf, den Sie von Ihrer Mutter geerbt hatte. Sie bekam das violette Kleid. Monishabi und das kleine Mädchen halfen und erklärten beim Anlegen der Kleidung, was sich gehörte, worauf man zu achten hatte, und vor allem, was oben und was unten war. Schließlich waren sie genauso gekleidet wie das kleine Mädchen und hatten auch diese flachen, weichen Schuhe mit den gebogenen Spitzen. Einziger Unterschied war der zu Monishabi : Ihr Kleid war mit ein paar Schellen besetzt, die sie als höchste der Sklavinnen auszeichneten. "Wie heißt Du ?" fragte sie Ariel. "Ariel Jardensee." "Diesen zweiten mittelländischen Namen wirst Du hier nicht brauchen. Du bist Ariel. Nichts weiter." Monishabi betonte im Gegensatz zu Ariel, das e im Namen. Carissa wollte schon protestieren, daß der zweite Name in Ihrem Fall eine liebfeldische Sache sei, als Ihr einfiel, daß das so sinnlos war wie in der Hckun nach Schnee zu fragen. "Ich bin Carissa." sagte sie deshalb unaufgefordert. "Gut. Carisha, Du wirst von nun an Dienst tun im Haus der Frauen. Du dienst mir und im Harem des Sultan. Du Ariel, wirst Dich nun in die Küche begeben. Nedime wird Dir zeigen, wo sie ist." Carissa wollte schon wieder protestieren, da Ihr Name nicht korrekt wiedergegeben war. Diesmal lenkte sie jedoch die Bestürzung darüber ab, daß sie und Ariel getrennt wurden. Aber da nahm das kleine Mädchen Ariel schon bei der Hand und führte sie weg von Carissa. Sie stand noch einen Moment da und verzweifelte, als Monishabi sie ebenfalls weg führte.

Der Harem des Sultan war wirklich nicht sonderlich groß. Er hatte gerade mal drei Frauen. Mehr als acht, so erfuhr Carissa, war einem Gläubigen ohnehin nicht erlaubt, da neun Frauen nur Rastullah haben durfte. Auch wenn Carissa trotzdem nicht begreifen konnte, warum ein Mann mehr als nur eine Frau haben konnte und wie wenig das mit Traviagefälligkeit zu tun haben konnte, so erkannte sie doch recht schnell, daß der Unterschied zwischen Hauptfrau, Nebenfrau, Hauptsklavin und Sklavin fließend war. Monishabi hatte sofort zur Stelle zu sein, wenn die Hauptfrau des Sultan Ferimija einige Wünsche hatte. Bei der ersten Nebenfrau Sinoja schickte sie jedoch meistens eine Ihrer beiden Untergebenen : Carissa oder Nedime. Die zweite Nebenfrau wurde zwar ebenso bedient wie die erste, jedoch nicht, wenn diese zur gleichen Zeit Wünsche äußerte. Carissa entwickelte mit der Zeit jedoch viel Geschick beim Massieren, Luft zufächern, Waschen, Hand- und Fußpflege und dergleichen vieler Aufgaben, mit denen sie einen Tag um bekam. In den kalten Wüstennächten teilte Sie auch des öfteren das Bett mit einer Ihrer Herrinnen. Leider wurde bei der Arbeit niemals viel gesprochen, was Ihr viel Zeit zum Nachdenken ließ - eine Tätigkeit die sie oftmals lieber nicht ausgeführt hätte. Denn zu oft vielen Ihr die Zeiten in Radoleth wieder ein, die erst kurz zurücklagen, aber in einem anderen Leben zu liegen schienen. Auch trauerte sie jetzt viel um Jorgan, Ihren Onkel und Ihre Tante. Viel Zeit verbrachte sie damit nach Ariel zu suchen, doch sie schien in dem großen Palast nie am gleichen Ort zu sein. Einmal bekam sie wieder Gelegenheit sie zu sehen. Bei einem Festmahl zu Ehren eines Chacir war sie da um Speisen aufzutragen, während Carisha (an den Namen hatte sie sich wohl oder übel gewöhnen müssen) an der Seite der zweiten Nebenfrau sitzen mußte, um sie zu bedienen. Während Monishabi streng aber gerecht war, so konnte sie kaum etwas negatives über die ersten beiden Frauen des Sultan sagen. Aber seit jenem Abend des Festmahls hatte sie unter Belema wirklich zu leiden.

Eines Abends befahl Belema Carisha, die Nacht bei Ihr zu verbringen. Als Carisha bei Ihr Lag wurde sie von der dritten Sultansfrau an stellen berührt, die sie selber bis dahin nicht zu berühren gewagt hatte. Nach anfänglicher Unsicherheit was sie davon zu halten hatte wurde Ihr aber klar was Belema wollte : Sie wollte Ihr nur weh tun. Gezwungen zu schweigen wartete sie geduldig und unter Schmerzen, bis es Belema endlich zu langweilig wurde. Jedoch wurde sie dann von ihr mit Tüchern in einer demütigenden und unbequemen Stellung gefesselt, wo sie die Nacht verbringen mußte. Diese Geschehnisse wiederholten sich alle paar Nächte und Belema ließ Ihre Wut an der gebundenen Carisha aus bis diese weinend und wimmernd um Gnade flehte. Dies waren die ersten Sätze die Carisha in perfektem tulamidisch wiedergeben konnte, dank der vielen Übung. Zwei Wochen später, als Nedime das Bett mit Sinoja teilte, vertraute Carisha sich Monishabi im gemeinsamen Zimmer an. "Sie tut was ?" fragte Monishabi erstaunt und empört. Carisha berichtete genauer. "Diese eifersüchtige ...." Das letzte Wort verstand Carisha nicht. Vielleicht war es auch gut so. "Du meinst Sie ist Eifersüchtig ? Aber wie denn ? Sie ist meine Herrin !" "Auf Dein Haar zum Beispiel. Sieh mal, als dritte Frau ist sie der Notnagel des Notnagel des Sultan. Während unsere Herrin Ferimija jetzt schwanger ist, sollte man annehmen, daß der Sultan mehr auf die Reize seiner Nebenfrauen eingeht, aber nur Herrin Sinoja scheint davon zu profitieren." "Aber was habe ich damit zu tun ?" "Ich nehme an, hättest Du nicht so wunderschönes helles Haar, wäre Belema nicht so eifersüchtig auf Dich. Sie nimmt wahrscheinlich an, hätte sie solche Haare wie Du, wäre sie nicht nur die dritte Frau des Sultan." "Aber ich kann doch nichts dafür, daß meine Haare so sind, wie sie sind." "Das wird sie nicht interessieren. Wie jede unserer Herrinnen holt sie sich Ihr Vergnügen bei uns, wenn Sie es nicht vom Sultan bekommt. Bei Dir geht sie zu Weit weil Sie Dich als schöner ansieht als sie ist." Nach einer Pause fügte sie hinzu : "Damit hat sie sogar recht." Carisha fühlte sich zwar geschmeichelt, sagte aber nichts. "Mach Dir keine Sorgen mehr. Bald wird der Spuk ein Ende haben." Carisha wunderte sich, wieviel Sicherheit in den Worten der anderen Sklavin lag, denn sie konnte doch auch nichts ausrichten, oder etwa doch ?

Nachdem es ein weiteres mal geschehen war, daß sie unter Qualen die Lust der Herrin befriedigen mußte, verließ sie wieder die Hoffnung, es könnte sich etwas ändern. Tatsächlich war es aber zwei Tage später als sie zum wiederholten male gefesselt die brutalen Hände Belema's ertragen mußte, daß urplötzlich die Tür zur Kammer der Herrin aufgestoßen wurde und vier weitere Frauen den Raum betraten. Diese waren die Herrin Ferimija, Sinoja sowie Nedime und Monishabi. Als Belemeja das sah, und Ihre Tat im Fackelschein Nedimes ans Licht kam versuchte Sie mit lächerlichen Lügen das abzustreiten, wobei sie bei frischer Tat ertappt worden war. Der strenge Blick Ferimijas genügte und Monishabi und Nedime befreiten Carisha, trugen die weinende Sklavin hinaus während Sinoja ihre Nebenfrau in ihrer Kammer einschloß. Am nächsten Tag fand man von Belema nur eine Spur : Ein aufgebrochenes Fenster. Sie muß sich ein Kamel gestohlen haben auf dem Sie die Oase verließ. Das Kamel kehrte drei Tage darauf zur Oase zurück, weil es dort korrekter Weise Wasser vermutete. Auf seinem Rücken trug es die im Gurt des Zaumzeugs verhakte und verdurstete Belema.

Kapitel 4 : Die Gespielin des Sultan

Novadi waren auch keine schlechteren Menschen und die zwölfgöttergläubigen Tulamiden sowieso nicht. Sie unterschieden sich zwar alle in Ihrer Mentalität voneinander, aber auch die Novadi hatten Grundsätze die durchaus ehrbar waren und die sie eisern einhielten. Es waren nur eben andere. Unter diesen Voraussetzungen fragte sie sich manchmal, ob Rastullah, den sie bisher mehr als Dämon denn als Gott verstanden hatte, nicht doch eine Macht ist, der es Wert ist, sich zu unterwerfen. Sie versuchte mehr über Rastullah heraus zu finden und fand eine gute Lehrmeisterin in Nedime. Mit Monishabis Hilfe lernte sie auch schnell das tulamidische. Seitdem sie eine gemeinsame Sprache hatten verlor auch Nedime etwas von ihrer kindlichen Scheu und Carisha profitierte von Ihrer Erfahrung. Wäre nicht der große Altersunterschied von Nedime und der Vorgesetztenverhältnis zu Monishabi gewesen, dann hätte man die drei Sklavinnen des Harems als Freundinnen bezeichnen können. Dadurch daß zwei Herrinnen auf drei Dienerinnen zugreifen konnten wurde die Arbeit etwas leichter - es fiel einfach weniger an. Manchmal ließ sich jetzt Monishabi des Nachts von Nedime oder Carisha das Bett wärmen, aber das war ein Freundschaftsdienst und keine Sklavenarbeit. Manchmal schliefen sie eng umschlungen miteinander ein, um ebenso verschlungen wieder auf zu wachen.

Die Hauptfrau Ferimija war nun schon hochschwanger und Monishabi berichtete, daß der Sultan nun häufig zu Sinoja ins Lager käme. Als jedoch Nedime eines abends wiederkam, obwohl Carisha sie bei der Zweitfrau vermutete konnte dies nur bedeuten, daß diese nun in Ihrer Periode war. Im Gegensatz zu Belema belasteten die anderen Frauen des Sultan Ihre Diener niemals im Bett mit solchen Unpäßlichkeiten. Zwei Abende danach, als Monishabi und Nedime schon zu Bett waren und Carisha gerade fertig war, die Füße der obersten Herrin zu waschen wurde sie auf dem Flur von einer großen Gestalt überrascht, die sichtlich schlecht gelaunt aus den Gemächern Sinojas kam. Erst im Fackelschein erkannte sie den Sultan an seinem großen Turban. Als Ihr einfiel, daß sie sich auf die Knie zu werfen hatte war er schon bei Ihr und hob sie wieder auf. Er betrachtete sie lange und hob ihren leichten Schleier auf um ihr Haar zu bewundern. Wenig später führte er sie in Bereiche des Palastes die sie noch nie gesehen hatte. Auf einem großen bequemen Bett befahl er ihr sich hinzulegen. Sie folgte diesem Befehl und fürchtete das schlimmste. Obwohl genau das eintrat, war sie überrascht von der Zärtlichkeit, die dieser Sultan mit seinen Händen erzeugte. Ihre letzten Gedanken vor dem Einschlafen waren die, daß ein Mann, der eine Frau so glücklich machen konnte ein wirklich auserwählter Herrscher sein mußte. So verlor Sie Ihre Jungfernschaft an den Sultan.

Einige Wochen später, als Ihre Periode immer noch nicht eingesetzt hatte, vertraute sie sich erneut Monishabi an. "Ich wußte, daß es früher oder später so kommen mußte. Das war es, was Belema immer befürchtete." war Ihre trockene Antwort. Von da an schonte Monishabi sie und versuchte sogar die meiste Zeit, Ihre wünsche zu berücksichtigen, während Nedime fast vollständig von Ferimija und ihrem erstgeborenen Sohn, dem Prinzen Hackurabi in Beschlag genommen wurde. Als Ihre Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war, war es wohl wieder einmal Monishabi, die ihre gute Beziehung mit den Sultansfrauen nutzte, die Nachricht eines zweiten Kindes an die Ohren des Sultans heran zutragen. "Und das hat Ferimija einfach so hingenommen ?" Obwohl Sie mittlerweile hervorragend tulamidisch beherrschte redeten die beiden Frauen immer noch auf Garethi miteinander, wenn auch mittlerweile mehr, um diese Sprache nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. "Nun, sie hat es ernst entgegen genommen. Aber was stört schon eine Nacht mit einer anderen. Der Sultan kann ja sowieso mehrere Frauen haben. Nur das Kinderkriegen ist eigentlich ihr vorbehalten." "Wird man mir das Kind weg nehmen ?" "Ich glaube nicht. Ich habe mich bemüht etwas anderes für Dich zu arrangieren." Wieder einmal war das alles was man aus Monishabi herausbekommen konnte und Carisha mußte sich damit zufrieden geben. Es dauerte daher noch bange zwei Monate, bis Monishabi endlich mit einer erfreulichen Nachricht kam: "Du bekommst ein Haus in dem Du Dein Kind zur Welt bringen kannst. Ob Junge oder Mädchen : Es wird als freier Mensch geboren werden. Aber es darf seinen Vater niemals kennen, denn das könnte den Tod des Kindes nach sich ziehen. Du wirst in diesem Haus wohnen bleiben, aber Du wirst tagsüber wieder hier im Palast zu Diensten sein. Für die Zeit Deiner Niederkunft wird Dir eine andere Sklavin bereitgestellt." "Wirst Du mich begleiten ?" "Nein. Weder ich noch Nedime können unsere Pflichten hier vernachlässigen." Ein wenig enttäuscht war sie schon. Denn obwohl sie sich diese neu gewonnene Freiheit mehr gewünscht hatte als alles andere bedeutete das auch den Verlust einer vertrauten Umgebung und solchen Personen.

Kapitel 5 : Die junge Mutter

Als die Zeit gekommen war daß es nur noch ein Monat bis zu der Geburt Ihres Kindes sein würde, brachte man Carisha in ein Haus im Südosten der Oase. Es war ein kleines Haus mit nur zwei Räumen, das vollständig aus Lehm gebaut war. Im vorderen Raum gab es auch nur zwei Stühle, einen Tisch, und eine kleine Kochstelle. Im zweiten Zimmer, welches Links von dem Vorraum lag gab es ein für diese Hütte gutes Bett, welches breit genug war, daß sogar zwei Personen darin Platz haben konnten. Eine kleine Wiege stand ebenfalls in diesem Zimmer. Merkwürdig fand sie war nur, daß das ganze Haus keinerlei Fenster hatte. Die Tür war das einzige, was die Kammern mit der Außenwelt verband. Eine knappe Stunde nachdem sie Ihre wenigen Dinge in einer Truhe verstaut hatte klopfte es an die dünne Tür. Als Carisha öffnete blickte Sie zuerst auf einen demütig gesenkten Kopf herab, als sich dieser jedoch erhob erschraken beide heftig. Ariel war jedoch die erste die sprach : "Carissa ! Du hier ?" Sie sagte das in ihrem Erstaunen in einem gebrochenen tulamidisch. Erst als Carisha antwortete fiel auch Ariel auf, daß sie endlich wieder Ihre Muttersprache werde sprechen und hören können. Die Basen fielen sich in die Arme, weinten und erzählten sich lange von Ihren Erlebnissen des letzten Jahres, von der Küche, den Dienstboten, den Lieblingsspeisen des Sultan und natürlich auch von Nedime, Monishabi, Belema und den anderen Frauen des Sultan. Interessanter Weise erfuhr Carisha auf diesem Wege, daß fast alle Hirsebrote, die sie innerhalb des letzten Jahres gegessen hatte, von Ariels Hand gefertigt waren. Schließlich fragte aber auch Ariel nach dem Vater des Kindes.

"Es war einer der Soldaten, aber ich habe ihn nicht erkannt." log Sie ihrer einzigen Verwandten vor. Mitfühlend hielt Ariel ihre Hand. "Dann laß uns DEIN Kind zur Welt bringen." Einen Monat später, eine sehr pünktliche Geburt, beherrschte das Geschrei eines Neugeborenen das kleine Haus. Ariel versorgte die Mutter sowie den Jungen, den sie Hacky nannten. Sie fragte nie, wie Carisha auf den Namen gekommen sei. Als in der Nachbarschaft die Geburt des Jungen bekannt wurde machten Ariel und Carisha eine neue hoffnungsvolle Erfahrung. Im äußersten Südosten der Stadt gab es eine kleine Gemeinde von Gläubigen der Zwölfgötter, die so gar einen kleinen Tempel Ihr eigen nennen konnten. Zwar war dieser Tempel keinem der Götter selbst geweiht und wurde auch nicht von einem betreut, aber trotzdem war dies nun ein Ort, zu dem die Basen sich zurückziehen konnten um in aller Abgeschiedenheit zu Hesinde und Peraine zu beten. Die anderen, die teilweise tulamidischer, teilweise mittelländischer Abstammung waren, stellten sich als Freundliche und Hilfsbereite Nachbarn heraus, so daß es der jungen Mutter praktisch an nichts mangelte. Ab und zu kam ein Bote des Palastes der ein paar Münzen vorbei brachte um so Carisha und Ariel mit dem notwendigsten zu Versorgen. Als sie davon spenden wollten rieten die Bewohner der Zwölfgöttergemeinde davon ab. "Wir werden hier geduldet, da unsere Herbergen auch Reisende aus dem Mittelreich und den Siedlerstädten anlocken. Aber man würde es nicht dulden, wenn es einen prachtvollen Tempel gäbe. Daher wären wir dankbar wenn Du mit Hand anlegst, wenn der Tempel der Pflege bedarf, aber es gibt weder einen Geweihten zu versorgen, noch notwendige Anschaffungen für den Tempel, so daß Du Dein Geld besser behältst."

Als das Kind ein paar Monate alt war konnte sie es tagsüber einer älteren Frau in die Hände geben, die selber ein Enkelkind hütete. Somit war Carisha wieder frei, Ihrer Arbeit im Palast nachzugehen, was auch Ariel seit ein paar Wochen wieder zu tun hatte. Ariel wurde aber auch des öfteren gestattet, zwischen den Zeiten des Abwasch und der Vorbereitung der nächsten Speisen den Palast zu verlassen um den kleinen Hacky zu sehen oder ein paar Worte mit Carisha zu wechseln. Ihr machte die Arbeit sogar ein wenig Freude, wenn Ihr der Tag auch immer viel zu lang vor kam und die Zeit, die sie mit Hacky verbringen konnte einfach zu kurz war. Trotzdem hatte sie Glück und sowohl seine ersten Worte als auch seine ersten Schritte auf den eigenen Beinen galten Ihr. Hacky entwickelte seine ersten Züge und man konnte schon erkennen, daß er dunkle, wenn auch nicht schwarze Haare haben würde (noch waren sie blond) und daß seine Augen in einem graublau schimmerten. Er hatte die Gesichtszüge eines Novadi, doch waren diese von der lieblichen Erscheinung seiner Mutter gemildert. Da die Novadi den Sohn einer Fremden automatisch ebenfalls als Fremden ansahen, gab es auch niemals Probleme, einen Vater erfinden zu müssen. Mit Nedime, die sich langsam aber stetig zu einer jungen Frau entwickelte, Monishabi und Ariel hatte Carisha auch immer gute Freundinnen, die sich gegenseitig halfen, verstanden und vor allem liebten. Einzig Ariel wurde von Zeit zu Zeit unglücklicher, denn sie hatte sich Ihr Leben doch ganz anders vorgestellt. Natürlich erging es Carisha genauso, doch war Hacky ein großer Trost für sie und eine echte alternative zu einer Karriere als Alchimistin. Ariel blieb ein solcher Trost verwehrt. Ihr einziger Wunsch war es, einen Mann zu finden, der mit Ihr eine Familie gründet. Aber niemand wollte eine Fremde zur Frau obwohl sie schon allein aus Gründen der 99 Gesetze gezwungen war offiziell den Glauben an den Eingott anzunehmen, fand sie keinen Novadi, der sie gewollt hätte. In der zwölfgöttlichen Gemeinde gab es keinen jungen Mann, der nicht schon in festen Händen war. Durchreisende wiederum hätten nicht die Kaufsumme für die Sklavin zahlen wollen, ohne nicht genau zu wissen, was sie sich da "kauften".

Trotz alledem gedieh Hacky genauso prächtig, wie der neun Madaläufe ältere Prinz Hackurabi, sowie die Datteln und Bananen der Hckun. Da Hacky sich auch wohl fühlte und, da er ja auch nichts anderes kannte, die Hckun als sein zu Hause betrachtete wurde die Oase für Carisha ebenfalls zur zweiten Heimat. Als Hacky sechs Jahre alt war bettelte er wie so oft nach einer der süßen Datteln, die auf dem Tisch lagen. Seine Mutter mußte allerdings nein sagen, da Hacky schon eine ganze Menge der süßen Früchte gegessen hatte und sie befürchten mußte, daß er sich den Magen daran verdirbt. Als sie sich jedoch umdrehte sah sie Hacky, wie er die Hand ausgestreckt, darauf wartete, daß die Dattel, die soeben noch auf dem Teller lag in seine Hand kullerte. Auf einem ebenen Tisch. Ab diesem Tag wußte Carisha, daß Hacky etwas besonderes war.

Kapitel 6 : Die Gabe des Kindes

Auch wenn Sie die meiste Zeit bei Ihrem Onkel auf dem Land gelebt hatte, so war Ihr doch viel Zeit mit Ihrem Vater in Erinnerung geblieben. Er hatte viel mit Ihr unternommen, wenn sich die Gelegenheit bot. Oft waren dies Lehrstunden in Pflanzenkunde und Alchimie. Carisha hatte diese Lektionen geliebt. Mit der Zeit entwickelte sie nicht nur ein eigenes Talent, sondern sie wäre bestimmt eine gute Magierin geworden, hätte ihr nicht das wichtigste gefehlt : Die Kraft. Aber nun schien es, als würde sich der Wunschtraum Ihres Vaters, ein magiebegabtes Kind zu haben, eine Generation später erfüllen. Nach einem Gespräch unter vorgehaltener Hand mit Monishabi war jedoch klar, daß eine solche Gabe in der Oase nicht geduldet werden würde. "Rastullah verbietet seinem Volk die Anwendung der Magie. Es steht geschrieben !" "Aber er wäre doch nicht aus ihrem Volk. Seinen Vater darf er nicht kennen, aber seine Religion muß er teilen ?" "Es wäre nicht wichtig, wer oder was er ist. Aber seine Kräfte könnten zu mächtig werden : Solch eine Bedrohung müßten Sie im Keim ersticken !" "Aber was denn für eine Bedrohung ?" "Ein ungläubiger mit mehr Macht in den Händen als der Sultan ? Sage Du mir, welcher der Herren hier sich da nicht bedroht vorkommen sollen ?" Carisha mußte ihr wohl oder übel recht geben. Leider stellte sich heraus, daß auch die Gläubigen der Zwölfe keine Hilfe sein könnten, denn es gab unter Ihnen nicht einen, der des Lesen, Schreiben oder sogar der Magie mächtig gewesen wäre. Carisha beschloß, die erste Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen.

Jeden Morgen und jeden Abend, bevor Sie in den Palast gehen mußte und nachdem Sie wieder ins Viertel der Ungläubigen zurückgekehrt war begann Sie Hacky zu unterrichten. Sie lehrte Ihn die 31 Kusliker Zeichen und wie man aus Ihnen Wörter und Sätze bildet. Sie begann Hacky kleine Briefchen zu schreiben, die sie im Haus versteckte und die Hacky dann während des Tages suchen konnte um darauf zu lesen, wo das nächste Briefchen versteckt war. Bald überraschte er seine Mutter damit, daß er selbst für sie ein solches Rätsel aufgebaut hatte. Danach begannen Sie zu rechnen. Hacky lernte ohne Zuhilfenahme der Finger das Umgehen mit Mengen, Zahlen und schaffte es im Kopf größere Zahlen zu addieren, subtrahieren und beherrschte auch schon das multiplizieren mit kleineren Zahlen. Nach einer weiteren Zeit war er der Bruchrechnung mächtig. Hacky entwickelte mehr und mehr den Eifer, den auch Ihre Mutter beim Erlernen des hesindegefälligen Wissens hatte. Tag für Tag, während seine Mutter im Palast des Sultan arbeitete lernte er. Sein Bedarf an Papier und Tinte überstieg bald die Kosten für die Nahrung, dafür konnte er bald die notwendigen Einkäufe selbst erledigen und feilschte und handelte um jeden Shekel, daß Phex stolz gewesen wäre. Nachdem Hacky mit den Grundlagen allen Wissens ausgestattet war unterrichtete Sie ihn in Pflanzenkunde und Alchimie. Leider wurden diese Lektionen zu entmutigenden Ereignissen. Ohne auch nur ein Bild von einer Pflanze zu haben war es schwierig, Hacky eine Vorstellung davon zu geben, um was für Gewächse es eigentlich ging. Das einzige, was Hacky in der Hckun zu sehen bekam war ein Menchal-Kaktus.

"Dein Kind wird ein gelehrter sein. Soviel steht fest. Aber was ist mit seinen astralen Fähigkeiten ?" fragte Ariel im Flüsterton. "Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht wie ich ihn schulen soll." "Laß ihn doch einfach probieren, die Dinge, die er bisher getan hat, zu wiederholen. Vielleicht lernt er dann von selbst, seine Kräfte zu nutzen." "Meinst Du es könnte so einfach sein ? Warum verbringen die Eleven dann Jahre auf einer Akademie bis sie einmal zaubern können ?" "Erstens wollen die Akademien auch Ihren Gewinn an einem Kind machen, zweitens lernen Sie dort Lesen und Schreiben. Das hast Du Ihm aber bereits beigebracht !" "Ich weiß nicht." Carisha dachte nach. Aber eine Flucht aus der Hckun war unmöglich. Sie könnte als Sklavin des Sultan keine Akademie erreichen und Hacky war noch zu jung um alleine weg zu gehen. Vielleicht, obwohl es ihr zu schwer viel, könnte sie einen durchreisenden Mittelländer dazu bringen, Hacky mit zu nehmen.

Carisha hatte tagsüber wieder im Palast zu sein, daher ging Sie mit Ariel abends in die Herbergen der Karawanserei, dem großen Platz in der Mitte der Oase. Niemand von Ihnen hätte sich in die Tavernen getraut, denn zum einen war es nicht üblich, daß Frauen hier derart am öffentlichen Leben teilhatten, zweitens fürchteten sie sich viel zu sehr vor den gierigen Blicken der Männer. In einer der Herbergen wurden Sie fündig. Nachdem Sie sehr mißtrauisch beäugt wurden, als sie nach einem Mann oder einer Frau fragten, der einen großen mit Zeichen verzierten Holzstab mit sich führen würde, brachte man sie in ein kleines Zimmer, daß morgens und mittags wohl als Speisesaal benutzt wurde. Wenig später kam eine sichtlich mürrische Frau mittleren Alters in diesen Raum um sich widerwillig anzuhören, was die Sklavin vorzubringen hatte. Ihr Blick hellte sich langsam auf, als sie von einem wahrscheinlich begabten Jungen hörte. Ariel fiel auf, daß die Zauberin eine Handbewegung machte, die sie nicht deuten konnte und traute Ihren Ohren nicht als sie die Magierin sagen hörte : "Für 10 Goldstücke nehme ich den Jungen mit. Ihr könnt ihn mir morgen und etwas das diesen Preis bringt übergeben, wenn ich euch aufsuche." "Gerne." sagte Carisha und Ariel verstand die Welt nicht mehr. Wenn Sie auch sonst nicht viel wußte über die Arkanen Künste so war es doch bekannt, daß Magier einen hohen Preis für Kinder zahlten um sie selbst als "Lehrling" aufzunehmen. Warum sollte also Carisha nun soviel Gold bezahlen, daß sie ja nicht mal hatte.

Nachdem Carisha das ganze Haus aufgeräumt und jeden noch so kleinen Gegenstand angehäuft hatte war sie zu Bett gegangen. Ariel, die eigentlich schon fort war, schlich sich zurück zum Haus, öffnete Vorsichtig die Tür und schlich sich zum Schlafzimmer. Sie hatte Glück. Hacky schlief, im Gegensatz zu seiner Mutter noch nicht fest. "Tante Ariel ?!" sagte Hacky ganz erstaunt. "Pscht." war der Befehl, sich ruhig zu verhalten und raus aus dem Schlafzimmer zu kommen. "Aber Tante Ariel, was machst Du hier ?" "Ich bin hier um Deiner Mutter zu helfen. Sie benimmt sich merkwürdig." "Das ist richtig. Sie unterliegt vielleicht einem Zauber !" Ariel berichtete Hacky von dem, was sich an diesem Abend zugetragen hatte. "Ich weiß was zu tun ist ! Komm mit !" sagte Hacky und versetzte Ariel damit in Erstaunen. Hacky durchsuchte den Haufen von Dingen seiner Mutter um ein paar Geldstücke heraus zu suchen. Sie gingen damit hinunter in das Viertel der ungläubigen und klopften mitten im Scheine Madas an die Tür des tulamiden Uro ibm Juza. Nach wiederholtem heftigen Klopfen öffnete dieser völlig verschlafen. "Wer wagt es zu stören ?" Hacky übernahm die Gesprächsführung in akzentfreien Tulamidya. "Ihr seid im Besitz von Rauschkraut. Gebt uns nur ein wenig davon und ihr sollt dieses Geld hier haben." Uro ibm Juza verstand nicht so ganz worum es ging. Aber es störte ihn auch nicht. Jetzt war er ohnehin einmal wach und ein paar Shekel für ein kleines Büschel Kraut zu bekommen war bestimmt kein schlechtes Geschäft. So wurde der Handel auch schnell abgeschlossen und Hacky eilte, mit Ariel im Schlepptau zurück zu seiner Mutter. Dort in einer kleinen Tasse entzündete er das Rauschkraut und ließ die Dämpfe in der abgedeckten Tasse schwelen. Ariel setzte sich auf Carishas Bett nahm sie fest in die Arme und hielt Ihr mit einer Hand den Mund zu. Hackys Mutter wurde daraufhin wach, bekam aber keine Luft. Das einzige was sie zu atmen bekam waren die schweren Dämpfe aus der Tasse mit dem Rauschkraut, die sie nur kräftig in Ihre Lungen einziehen konnte. Am nächsten Morgen nahm Carisha, als sie wieder klaren Kopfes war, Hacky mit in den Palast und versteckte ihn zwei Tage bei Monishabi und Nedime bis ihr bekannt war, daß die Magierin weitergezogen war.

Kapitel 7 : Der junge Dämon

Für Hacky wurde es immer schwerer seine Kräfte zu unterdrücken. Sie waren so stark vertreten, daß sie irgendwann Bahn brechen mußten. Da aber niemand auch nur einen Zauber in Hackys Umgebung beherrschte gab es niemand der Hacky hätte behilflich sein können die angestaute Energie zu lenken. Hacky war nicht das einzige Kind seiner Altersgruppe. Natürlich wurde der Prinz Hackurabi von der Öffentlichkeit abgeschirmt, aber da war noch Sina, ein Junge der Novadi und Bjanca, die Tochter des Herbergenbesitzers Moram Wittenhof im Viertel der Ungläubigen. Während Hacky oft seine Zeit mit Bjanca verbrachte und sie viel zusammen spielten und Streiche ausheckten, so war es jener Sina, der Ihnen zunehmend das Leben schwer machte. Ein offener Konflikt zwischen Hacky, Bjanca und Sina wäre von allen Seiten sofort als religiöser Konflikt ausgelegt worden. Und selbst den Kindern war klar, wer da den kürzeren gezogen hätte. Daher waren Bjanca und Hacky oftmals gezwungen, Sina aus dem Weg zu gehen. Als dieser jedoch bemerkte, daß er in der Offensive war stellte er Ihnen noch mehr nach, natürlich immer unter dem Schutz seines älteren Bruders. Als Bjanca eines Abends noch Ihrem Vater zu helfen hatte ging Hacky den Weg vom Tempel in dem er an Hesinde gebetet hatte zurück in die Innenstadt, an deren Rand seine Mutter wohnte. Im Dunkeln erkannte er nicht rechtzeitig, wie hinter der Ecke des Hirsefeldes die dunkle Gestalt des jungen Novadi ihn ansprang um ihn sofort zu Boden zu werfen. Immer wenn Hacky sich ein wenig nach oben gekämpft hatte empfing ihn ein Fußtritt von der größeren Gestalt, die über ihnen stand. Hacky, der ohnehin nicht zu den kräftigsten seiner Umgebung gehörte verlor diesen Kampf daher genauso schnell wie er begonnen hatte. Wer dann lachend davon zog während Hacky seine Knochen sortierte und glücklicherweise keinen gebrochen fand, war ihm von Anfang an klar gewesen.

Carisha versorgte seine Schrammen fachmännisch. Er würde keinen bleibenden Schaden davontragen. Ariel fragte, ob man denn gegen diesen Jungen nichts unternehmen könnte. Aber dies war nicht möglich. So groß Monishabis Einfluß innerhalb des Harems war, so wenig Möglichkeiten boten sich den wenigen Ungläubigen und Fremden draußen in der Oase. Wenn auch offiziell die Mitglieder der Zwölfgöttergemeinde nicht weniger Rechte hatten als Novadi so wurde vor Gericht, welches von den Mawdliyat abgehalten wurde, doch zunächst einmal das Wort eines Gläubigen über das eines ungläubigen gestellt - und konnte man noch ein so wahrheitstreuer Praiosgeweihter sein. Auch Hacky war diese mißliche Lage bewußt. Er begann Sina von ganzem Herzen zu hassen.

Nur eine Woche nachdem Hackys Wunden zu heilen begannen ging er Richtung Karawanserei um dort ein wenig Ziegenmilch und Hirse zu kaufen. Er würde für heute Abend Brot backen, von dem seine Mutter und seine Tante satt werden würde. Auf halbem Weg, in einer kleinen Gasse entdeckte er durch Zufall seinen Erzfeind, der diesmal ohne seinen Bruder ein neues, noch schwächeres Opfer als Hacky gefunden hatte. Sina hatte Bjanca an Ihren langen dunklen Haaren erwischt und sie damit zu Boden gezwungen, wo er Ihr Gesicht durch den staubigen Boden zog. Hacky mußte Bjanca zu Hilfe kommen. Und noch in einigem Abstand machte er Sina auf sich aufmerksam. Fast achtlos ließ Sina die weinende Bjanca los, die sich nicht von der Stelle rührte. Hacky und Sina standen sich Auge in Auge gegenüber. Das überlegende, hämisch gemeine Grinsen des Novadi auf der einen, der haßerfüllte Blick Hackys auf der anderen Seite. Einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Der erste der sich Bewegte war Sina. Seine Augen wurden größer bis er im nächsten Moment in panischer Angst aufschrie. Er mußte weg, weg von Hacky, diesem Ungeheur, diesem schrecklichen Monster von unüberwindbarer Härte. Diese Person aus seinen schlimmsten Alpträumen wollte er nicht als Gegner haben. Mit einem vor Angst zu einer Fratze verzerrten Gesicht stolperte er zunächst über seine eigenen Beine um sich dann hochzurappeln und mit zu Berge stehenden Haaren vor Hacky davonzulaufen. Hacky half Bjanca auf die Beine, die Ihren Schmerz und Ihr schmutziges Gesicht vergessen hatte, weil sie sich so über die Reaktion Sinas wunderte. Hacky sah aus wie immer. Nichts wovor man Angst hätte haben müssen. "Bist Du ein Zauberer ?" fragte Sie verwundert. Hacky wußte nicht welche Antwort er Ihr geben müßte.

Am Abend machten sich Carisha und Tante Ariel große Sorgen, denn sie wußten, daß das was heute passiert war, nicht hätte passieren dürfen. Ihre Angst bestätigte sich viel schneller als ihnen lieb gewesen wäre, als nämlich nach Anbruch der Dämmerung eine größere Gruppe Novadis vorbeikamen. Sie waren mit Säbeln, Dolchen, Fackeln und Khunchomern bewaffnet und riefen fortwährend "Ifriit", das tulamidische Wort für Dämon. Als sie das kleine Haus erreicht hatten schlugen Sie gegen die dünne Tür. Ariel und Carisha wußten, daß sie in dem Haus in der Falle saßen und traten so freiwillig aus dem Haus. Dort wurden sie sofort von dem Mob gefangen genommen. Sie erhielten Fesseln und wurden in den Süden der Oase gebracht. Als würde sich ein ihnen bereits bekanntes Schicksal wiederholen sahen sie noch, wie die kleine Hütte in Flammen aufging. Die wenigen Mawdliyat die ohne viel Teilnahme das Schauspiel beobachteten, sprachen ein kurzes Urteil über die ungläubigen Basen. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang würde man sie enthaupten.

Hacky beobachtete die Szene mit Tränen in den Augen aus sicherer Entfernung. Die letzten Worte, die er mit seiner Mutter sprach waren die eines schnellen Abschieds ohne viel Erklärungen. Er hatte geahnt daß so etwas passieren würde, aber die gesamte Grausamkeit der in Flammen stehenden Hütte war viel schlimmer, als er zu ahnen gewagt hätte. Er sah wie seine Familie von den grimmigen Novadi abgeführt wurde. Was, so fragte er sich aber auch, sollte aus ihm werden. Sie würden ihn Gewiß ebenso behandeln, wenn er ihnen in die Hände fallen würde. Er konnte keine weiteren Gedanken fassen, weil er im selben Moment fast zu Tode erschrak. Eine zarte Gestalt legte ihm von hinten eine Hand auf die Schultern. In Garethi wurde ihm befohlen, sich zu beeilen. Die Vertrautheit, die von der Sprache seiner Mutter ausging bewirkte, daß er dem Befehl ohne zu Fragen gehorchte. Er folgte der Gestalt im dunkeln, die sich mit ihm nach Norden wandte, wo zwei Kamele, die Proviant zu haben schienen bereit standen, aufzubrechen. Nachdem die Gestalt und Hacky aufgestiegen waren durchquerten Sie das nördliche Stadttor und ritten in die offene Wüste. "Wir dürfen vor morgen abend nicht anhalten, sonst könnte uns die heilige Kohorte aufspüren." sagte Monishabi.

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